Kapitel 1: Kindheitserinnerungen im Haselbachtal
Herkunft und frühe Kindheit
Ich, Walter Keim, wuchs in Haselbach auf, einem kleinen Weiler mit rund 150 Einwohnern, der im Zuge der Kreisreform 1971 zusammen mit der Gemeinde Alfdorf zum Rems-Murr Kreis kam. Geboren wurde ich am 25. März 1948 in Schwäbisch Gmünd. Mein Vater war Alexander Keim, meine Mutter Maria Keim, eine geborene Bohn.
Da ich als Kleinkind anfangs Schwierigkeiten beim Laufen hatte, tastete ich mich oft an den Zimmerwänden entlang. Einmal, als ich einen Moment unbeaufsichtigt war, geriet ich dabei zu nah an unseren heißen Holzofen und verbrannte mir schmerzhaft die Hand. Eine unserer Nachbarinnen, Frau Rees, wollte mich daraufhin wohl trösten und bot mir Süßigkeiten an. Ich war jedoch ein skeptisches Kind und nahm sie nicht an.
An ein anderes Ereignis aus meiner ganz frühen Kindheit erinnere ich mich nur vage – die Geschichte kenne ich vor allem aus den Erzählungen meiner Mutter. Sie wollte mich damals von den Nachbarsmädchen betreuen lassen. Diese liefen jedoch einfach weg und ließen mich allein zurück. Prompt wäre ich fast in einen tiefen Brunnen gestürzt, weil eines der hölzernen Abdeckbretter unter mir nachgab. Ich bekam schreckliche Angst und schrie aus Leibeskräften. Mehr als zwanzig Jahre später, als ich mich als Student mitten im Prüfungsstress befand, kam diese vergrabene Angstinnerung plötzlich wieder in mir hoch.
Meine Eltern erzählten mir auch schmunzelnd, dass ich als kleiner Junge eine Zeit lang ständig hinfiel. Sie rätselten bereits besorgt, was mit mir los sein könnte, bis sie die Ursache fanden: Ich hatte klammheimlich eine Flasche Wein stibitzt und ausgetrunken.
Alltag, Nachbarn und das Dorfleben
Ich war ein Naturkind, das sich im Herbst sehnlichst nach dem ersten Schnee sehnte. Unablässig fragte ich meine Eltern, wann es denn endlich so weit sei.
Im Alter von etwa drei Jahren spielte ich oft mit Hedwig Weber, dem Mädchen von nebenan. Einmal lagen wir beide ganz friedlich Kopf an Kopf auf dem Boden. Als die Mutter des Nachbarsmädchens das sah, beschimpfte und verprügelte sie ihre Tochter dafür heftig. Die Familie Weber hatte sehr viele Kinder; ich weiß noch genau, wie staunend ich vor den endlosen Reihen von Betten in ihrem großen Schlafsaal stand.
Fotografiert zu werden, war mir damals ein Gräuel. Es gibt noch heute alte Bilder, auf denen deutlich zu sehen ist, wie ich panisch versuche, mich hinter meinen Eltern zu verstecken.
Mein Vater bezog eine Pension als Oberzahlmeister außer Dienst. Nach dem Krieg bewirtschaftete er zusammen mit meiner Mutter als Nebenerwerbslandwirt einen kleinen Hof mit zwei Kühen. Unsere Wiesen lagen am Eisbach und im Gebiet „Kohlöffel“. Wenn mein Vater die Wiese an der Kohlhau-Straße in Richtung Wetzgau mähte, fuhren wir das Heu anschließend auf einem Wagen nach Hause, der von unseren beiden Kühen gezogen wurde. Ich versuchte dann immer begeistert, mir einen Geheimgang durch das Heu bis hinunter zum Wagenboden zu bauen.
In den Sommerferien verbrachte ich einmal einige Wochen bei meiner Tante Klara Mass in Schwäbisch Gmünd. Das war aufregend für mich: Ich erinnere mich noch genau daran, wie die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos nachts an der Remsstraße gespenstische Schatten an meine Zimmerdecke warfen.
Historische Ereignisse und der Wandel der Zeit
Rund um das Jahr 1954 hielten die amerikanischen Truppen Militärmanöver in Haselbach ab. Für uns Kinder war das ein Abenteuer. Wir tauschten frische Äpfel gegen amerikanische Konservendosen ein, die ich bis dahin noch nie gesehen hatte. Die Soldaten verlegten damals überall Feldtelefonkabel und ließen sie nach dem Manöver einfach liegen. Mein Vater sammelte diese Kabel dankbar ein und fand im Haus immer eine gute Verwendung dafür. Unter den Soldaten waren auch Afroamerikaner. Mein Vater nahm das zum Anlass, mir zu erklären, dass schwarze Menschen in der US-Armee zwar formal gleichberechtigt seien, in ihrer amerikanischen Heimat jedoch schwer diskriminiert würden.
Unser tägliches Frühstück war schlicht: Es gab jeden Morgen Kaba (Plantagentrank) und Zwieback.
Im Jahr 1955 kam ich schließlich in die Schule nach Alfdorf. Bis dahin hatte ich noch ausgiebig am Daumen gelutscht. Ich gab meinen Eltern jedoch das feste Versprechen, damit aufzuhören, sobald der Ernst des Lebens begänne. Auch das „Knäfen“ – wie man bei uns das dauernde Quengeln und Fordern von Geschenken nannte – wollte ich mir abgewöhnen.
Ein großes Ereignis war die Fußball-Weltmeisterschaft 1958. Wir Kinder spielten draußen in der Nähe der Gastwirtschaft „Haselmühle“ und hörten das laute Jubeln und Geschrei der Erwachsenen aus der Wirtsstube, wann immer ein Tor fiel. Auch der berühmte sechsteilige Fernsehfilm „So weit die Füße tragen“ wurde damals im Wirtshaus gemeinsam angeschaut und hitzig diskutiert. Überhaupt war Haselbach damals gut versorgt: Es gab drei Wirtschaften im Ort – die Haselmühle, das Bürgerstüble und das Waldrestaurant. Heute hat leider nur noch das Waldrestaurant geöffnet.
Jedes Jahr veranstalteten die Amerikaner zudem einen großen Flugtag auf dem Stützpunkt in Mutlangen. Das war ein Spektakel für die ganze Familie. Neben den Flugzeugen wurde dort allerdings auch viel anderes Kriegsmaterial zur Schau gestellt. Mein Vater setzte sich währenddessen demonstrativ hin und strickte. Tat er das, um still gegen das Militär zu protestieren, oder wollte er ein Zeichen gegen den allgemeinen Männlichkeitswahn setzen? Den vorbeigehenden Nachbarn fiel dieser ungewöhnliche Anblick jedenfalls sofort ins Auge.
Haselbach lag sehr abgeschieden im malerischen Haselbachtal. Ich hörte oft den Spruch, dass sich hier Fuchs und Hase gute Nacht sagen. In den 1990er-正式 Jahren traf ich beim Spazierengehen manchmal Radfahrer, die genau diese unberührte Natur lobten – die herrliche Ruhe, ganz ohne den Lärm und den Schmutz der großen Städte.
Kindheitsstreiche, Hobbys und die Verwandtschaft
Ein Ausflug in den zoologischen Garten Wilhelma in Stuttgart verlief für mich unglücklich. Als man mich fragte, was ich essen wolle, verlangte ich stur nach Coca-Cola und verweigerte das Essen. Auf der Heimfahrt im Zug rächte sich das: Mir wurde speiübel, ich musste mich übergeben und mein Vater musste prompt eine Strafe von 5 DM wegen Verunreinigung bezahlen.
Auch mit den Nachbarskindern gab es manchmal Konflikte. Rolf Eisenmann vom Hinteren Haselbach warf einmal einen Stein nach mir und traf mein Fahrrad. Als ich weinend meinen Vater um Hilfe bat, wiegelte er ab: Er mische sich grundsätzlich nicht in die Streitereien von Kindern ein.
Ein bleibender Eindruck war ein Besuch in Schwäbisch Gmünd, bei dem wir eine riesige Modelleisenbahnanlage besichtigten, die einen kompletten Eisenbahnwaggon ausfüllte. Zu Hause hatte ich selbst eine Modelleisenbahn von Märklin und Trix. Ich war handwerklich kreativ, baute eine Puppenstube für meine Schwester und besaß einen Metallbaukasten. Als ich einen kleinen Elektromotor geschenkt bekam, scheiterte ich jedoch am Anschluss. Mein Vater half mir und konstruierte eine geschickte Übersetzung, die die schnellen Umdrehungen des Motors über mehrere Stufen sauber auf die Räder übertrug.
Mein Vetter Walter Keim war 27 Jahre älter als ich und arbeitete als Schirmmacher; er war mit Lore Keim verheiratet. Wenn ein Sommer völlig verregnet war, klagten meine Eltern über die Ernte, während sich die Schirmmacher über glänzende Geschäfte freuten. Ihr Sohn Rolf Gerhard Keim verkaufte später chinesische Schirme für die bekannte Firma „Happy Rain“. Wenn wir Tante Klara besuchten, fragte eines der Kinder meines Vetters Walter beim Anblick der Straße erstaunt, ob das dort vorne Autos seien. Er antwortete humorvoll: „Nein, das sind Nähmaschinen auf Rädern!“ Als wir ihn einmal auf dem Hardt in Schwäbisch Gmünd besuchten und Ameisen im Wintergarten entdeckten, schlug er augenzwinkernd vor, ein Schild aufzustellen: Betreten für Ameisen verboten!
Jahre später traf ich Alfred Keim, den Sohn meines Vetters Walter, in der Gmünder Kneipe „Schlupfloch“. Er war ganz in seine Zeitung vertieft und nahm kaum Notiz von mir. Als ich danach seine Mutter Lore Keim (geborene Schödel) besuchte und ihr davon erzählte, lachte sie nur und sagte, das liege in der Familie: Mein Vater habe damals auch nicht mit dem Zeitunglesen aufgehört, als sie und ihr Mann uns in Haselbach besuchten – obwohl meine Mutter ihn mehrfach eindringlich darauf aufmerksam machte, dass sie Besuch hätten.
Tiere und erste Abenteuer
In der Nähe des Waldgebietes „Kohlöffel“ fand ich eines Tages ein völlig verängstigtes, herrenloses Kätzchen. Als es mich bemerkte, flüchtete es, aber ich konnte es behutsam einfangen. Anfangs war es eine reine Freigängerkatze, die nur zum Fressen ins Haus kam, da wir die Tür immer einen Spalt offenließen. Sie gewöhnte sich jedoch schnell an uns und blieb stolze 20 Jahre lang ein treuer Begleiter unserer Familie.
Ein anderes Mal packte mich der Leichtsinn: Ich nahm heimlich das Kleinkalibergewehr meines Vaters und schoss im Wald auf einen Vogel, der etwa 20 Meter weit weg auf einem Ast saß. Er bewegte sich danach nicht mehr. Als ich aufgeschreckt über die Wiese zurückrannte, stolperte ich wohl, und der Lauf des Gewehrs füllte sich mit Dreck.
An einem Weihnachtsabend, als mein Vater Verwandte besuchte, nutzten meine Mutter und ich die Gunst der Stunde: Wir gingen in den Wald in die Nähe des verlassenen „Hexenhauses“ – in dem früher die Familie Pitzal gelebt hatte, bevor sie aufs Bergle zog – und fällten dort unseren eigenen Weihnachtsbaum.
Kurz zuvor hatte mich meine Mutter im „Kohlöffel“-Gebiet gefragt, ob ich mir eigentlich Geschwister wünschen würde. Ich antwortete damals egoistisch: „Nein, die nehmen mir doch nur meine Spielsachen weg!“ Doch das Schicksal hatte andere Pläne: 1954 wurde meine Schwester Dorothea geboren.
Schicksale der Nachbarschaft
Im Haselhof wohnte die Familie Läpple, bestehend aus Fritz und Elsa. Meine Mutter war eng mit Elsa befreundet. Sie baute extra den ersten Stock unseres Hauses aus, in der Hoffnung, dass Elsa dort später einmal einziehen und im Alter nach ihr schauen würde. Die Familie Läpple hatte den Haselhof vom Baron von Holtz aus Alfdorf gepachtet. Es hieß, dass nach einer Pachtdauer von 99 Jahren der Hof rechtlich in den Besitz des Pächters übergehen würde, falls der Sohn den Betrieb fortführte. Um das zu verhindern, bestimmte der Baron kurzerhand, dass der Sohn kein Bauer werden dürfe. Die Familie Läpple zog daraufhin enttäuscht nach Beiswang um, wo der Sohn schließlich einen anderen Hof übernahm. Später wanderte der Sohn Fritz Läpple nach Kanada aus. Da sich kein neuer Pächter mehr für den geschichtsträchtigen Hof fand, wurde der Haselhof schließlich abgerissen. Heute erinnert dort nur noch ein einsamer Gedenkstein mit der Aufschrift: „400 Jahre stand hier der Haselhof“.
Im Hinteren Haselbach wohnte die Familie Rau, die das Waldrestaurant betrieb, welches später von Heinz Hörsch (bekannt als „Mecki“) übernommen wurde. Auch die Familien Kühn, Ziegler, Nagel, Moser, Zoll, Just, Eisenmann, Klement, Heckendorn sowie die Familie Dolderer (deren Hof später von der Tochter Linde und ihrem Mann Norbert Wermuth weitergeführt wurde) waren dort ansässig.
Im Vorderen Haselbach wohnten die Familie Pollermann, die die Haselmühle bewirtschaftete, die Familie Daiß, die das Bürgerstüble betrieb, sowie die Familien Baumann und Waldenmaier.
Helga Daiß heiratete später einen Amerikaner namens Barnes und bekam mit ihm die beiden Kinder Sandra und Ronald. [1]
Nachbarschaft auf dem Bergle
Auf dem Bergle herrschte eine lebendige Nachbarschaft. Dort lebte ich gemeinsam mit meinen Eltern und meiner Schwester Dorothea. Zu unseren Nachbarn gehörte die Familie Messner mit Linus und Maria, sowie Ernst und Ruth Alka mit ihren Kindern Jürgen und Karin. Auch Ernsts Schwester und sein Sohn Günther wohnten dort. Nicht weit entfernt lebte die Familie von Ilse und Karl Bohn mit ihren Kindern Adelgunde und Karl Gerhard. [1, 2, 3, 4]
In einem der Häuser wohnte anfangs der Anwalt Rieg; später zog dort die Familie von Artur und Luise Weiher ein. Artur hatte das Anwesen Am Berg 21 vom Bauern Friedel aus Waldau abgekauft. Ebenfalls auf dem Bergle ansässig war die Familie Gudat mit ihren Töchtern Edeltraud und Dora samt den Söhnen Klaus, Ulrich Jablonski und Winfried Gudat. Die Familie Pitzal mit ihren Söhnen Helmut und Heinz wohnte zunächst im sogenannten „Hexenhäuschen“, in das nach deren Auszug die Familie Neumann einzog. Im nahegelegenen Maierhof wohnte zudem der Postbote Schmidhofer. [1, 2, 3, 4]
Die Geschichten der „Ahne“ und das Schicksal ihrer Brüder
Meine Mutter erzählte mir oft und viel über ihre Großmutter Rosine Ellinger (geborene Sannwald), die in der Familie liebevoll „Ahne“ genannt wurde. Die Ahne berichtete gern von all ihren Jugendstreichen. Ihren vermeintlich größten „Streich“ verschwieg sie dabei jedoch schamhaft: dass sie einst ein uneheliches Kind zur Welt gebracht hatte. [1, 2, 3]
Ihr Vater, Karl Bohn, war von Beruf Goldschmied und ein leidenschaftlicher Violinenspieler. Seine Ehefrau hatte für diese Kunst allerdings wenig übrig und zwang ihn schließlich dazu, seine geliebte Violine zu verkaufen. [1, 2]
Aus Ahnes Jugend ist mir eine Anektode über das Heidelbeerpflücken in Erinnerung geblieben. Die Familie brach damals mitten in der Nacht auf. Nach einem stundenlangen, mühsamen Fußmarsch erreichten sie endlich ihr Ziel. Als die Körbe voll waren, traten sie den langen Rückweg an und kamen erst tief in der Nacht wieder müde zu Hause an. [1, 2, 3]
Ahnes Bruder Hans schlug eine Laufbahn als Kaufmann ein. Er musste als junger Soldat in den Zweiten Weltkrieg ziehen und fiel schon früh in Russland. Ihr anderer Bruder, Emil, lernte Mechaniker. Ich habe das Bild vor Augen, wie er abends in seiner stets stark verschmutzten Arbeitskleidung nach Hause kam. [1, 2, 3, 4]
Onkel August Ellinger: Überleben in Sibirien
Ende der 1950er-Jahre erhielten wir Besuch von Onkel August Ellinger. Als der Winter einbrach, zeigte er uns eine beeindruckende Abhärtung: Er nahm eine Axt und ein Handtuch, hackte ein Loch in das dicke Eis des Baches und nahm darin seelenruhig ein Eisbad. Diese extreme Gewohnheit hatte er unfreiwillig in Sibirien gelernt. [1, 2, 3]
Die sowjetischen Behörden hatten ihn nach dem Zweiten Weltkrieg fälschlicherweise beschuldigt, mit den Amerikanern zu kooperieren, und ihn zur Strafe in ein sibirisches Arbeitslager deportiert. Tragischerweise hatten ihn die Sowjets kurz zuvor noch zum Landrat ernannt. Dies geschah aufgrund des Erbes seines Vaters, August Ellinger senior (1880–1933). Dieser war ein bekannter Sozialdemokrat und ein erfolgreicher Pionier des gewerkschaftlichen Wohnungsbaus gewesen. Als pragmatischer Sozialrevolutionär hielt er diese Errungenschaften in seinem Werk „Zehn Jahre Bauhüttenbewegung – Die Geschichte des Verbandes sozialer Baubetriebe“ fest. Er verkraftete es jedoch seelisch nicht, als die Nationalsozialisten am 1. Mai 1933 die gewerkschaftlichen Organisationen stürmten und sein Lebenswerk zerstörten. [1, 2, 3, 4, 5, 6]
Erste Kontakte nach Norwegen
In den 1960er-Jahre bekamen wir Besuch aus Norwegen. Es handelte sich vermutlich um Mette, die Tochter von Synnøve Brath, die in Begleitung eines Verwandten aus Braunschweig anreiste. Sie beherrschte eigentlich kein Deutsch. Als sie jedoch ihre Handtasche vergaß, schaffte sie es mit Händen und Füßen, sich verständlich zu machen. [1, 2, 3, 4]
Während ihres Aufenthalts spielte sie Federball mit meinem Vetter Karl Gerhard Bohn. Ich beobachtete die beiden und sagte neckend zu ihm: „Mensch, das wäre doch eine passende Frau für dich!“ Er blockte jedoch verlegen ab: „Wo denkst du denn hin? Nur keine voreiligen Schlüsse!“. [1, 2]
Antifaschismus und Eigensinn in der Familie
Mein Onkel Karl Bohn war ein politisch wacher Geist; er hatte die Zeitschrift der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“ (VVN) abonniert. Er erklärte uns oft, dass die Wahlzettel im Dritten Reich heimlich gekennzeichnet waren, damit die Behörden genau kontrollieren konnten, wer wie abstimmte. Die lokalen NS-Funktionäre wollten im Dorf eine hundertprozentige Wahlbeteiligung erzwingen. Eines Tages tauchte die SA bei uns auf und forderte meine Mutter barsch auf, sofort zur Wahlurne zu gehen. Meine Mutter ließ sich jedoch nicht einschüchtern und konterte trocken: „Und wer macht derweil meine Hausarbeit?“. Wegen ihrer dunklen Haare bekam sie ohnehin skurrile Feindseligkeiten zu spüren; selbst der evangelische Pfarrer hielt es für nötig, ihr zu sagen, sie sei optisch „keine echte Germanin“. [1, 2, 3, 4, 5, 6]
Karl Ellinger, der Stiefsohn von der Großmutter meiner Mutter, war vor Jahren nach Norwegen ausgewandert. Sein Schwiegersohn Gabbi Lund engagierte sich im norwegischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer und wurde von den Nationalsozialisten ermordet. Als meine Cousine Adelgunde (Gunda) Nagar (geborene Bohn) später Norwegen besuchte, suchte sie vergeblich nach der Straße Solfjellsveien. Sie erfuhr erst vor Ort, dass man die Straße zu Ehren des Widerstandskämpfers in Gabbi Lunds vei umbenannt hatte. [1, 2, 3, 4]
Während des Krieges hatte Karl Ellingers Sohn in deutscher Uniform seine Verwandten in Haselbach besucht. Er war völlig deprimiert und vertraute ihnen an, dass dieser Krieg unmöglich zu gewinnen sei, weil es in Deutschland viel zu viel Opposition gebe. Aus heutiger Sicht wissen wir, dass er sich in diesem Punkt leider irrte. Die Mehrheit der Deutschen war keineswegs so weitsichtig wie unsere Familie. Im Gegenteil: In blindem Kadavergehorsam folgte man den sinnlosen Befehlen Hitlers bis in den bitteren Untergang. [1, 2, 3, 4]
Mein Onkel Hans Stürmer lebte damals in Thüringen. Kurz vor Kriegsausbruch fasste er den naiven, aber mutigen Entschluss, Hitler persönlich vor den verheerenden Folgen eines Krieges zu warnen. Seine besorgten Verwandten fürchteten verständlicherweise um sein Leben. Um ihn aufzuhalten, nahmen sie ihm kurzerhand sein Geld ab und sperrten ihn im Klosett ein. Doch Hans ließ sich nicht stoppen: Er kletterte kurzerhand aus dem Badezimmerfenster und lief stundenlang zu einer Verwandten nach Leipzig. Dort lieh er sich das nötige Fahrgeld für den Zug nach Berlin. Tatsächlich schaffte er es bis in die Reichskanzlei und verlangte, Hitler in einer dringenden Angelegenheit zu sprechen. Die Wachen schickten ihn unter Vorwand zu einer anderen Adresse. Als er dort ankam, stellte er enttäuscht fest, dass man ihn direkt in eine psychiatrische Anstalt gelotst hatte. Angesichts dieser Ausweglosigkeit gab er seinen Versuch, den Zweiten Weltkrieg im Alleingang zu stoppen, schließlich auf. [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10]
In den 1950er-Jahre überwarf sich Onkel Hans mit den neuen sozialistischen Machthabern in der DDR und flüchtete nach Westdeutschland, wo er nach Haselbach zog. Ihm gefiel ein hübsches Haus im Ortsteil Maierhofer Sägemühle, das von zwei Frauen bewohnt wurde, die den Zeugen Jehovas angehörten. Auf seine Frage, ob er dort ein Zimmer mieten könne, entgegneten sie misstrauisch: „Was sollen denn die Leute im Dorf denken, wenn wir zwei alleinstehende Frauen an einen einzelnen Mann vermieten?“. Hans antwortete geistesgegenwärtig: „Ihr solltet auf Gott hören, nicht auf die Menschen!“. Trotz des schlagfertigen Arguments musste er sich eine andere Unterkunft suchen. [1, 2, 3, 4, 5]
Das besagte Haus in der Maierhofer Sägemühle wurde später von Rolf Eisenmann übernommen, der dort bis zu seinem Tod im Jahr 2024 lebte. Auch Ida und Rudolf Weber wohnten zeitweise dort. [1, 2]
Als mich Jahrzehnte später ein amerikanischer Journalist fragte, warum ich mich so vehement gegen Donald Trumps Schwächung demokratischer Institutionen einsetze, verwies ich stolz auf meine Herkunft. Ich erklärte ihm, dass der unerschrockene Einsatz von Onkel Hans und Onkel Ellinger gegen autoritäre Tendenzen meine tiefste persönliche Verpflichtung geblieben ist. [1, 2]
Die Erziehung meines Vaters und der Geist des Widerspruchs
Mein Vater wuchs in einer kinderreichen Familie mit insgesamt zehn Geschwistern auf. Seine Mutter wurde im Alter zunehmend schwerhörig. Das führte dazu, dass sie die Dynamiken im Haus nicht mehr kontrollieren konnte und die jüngeren Geschwister oft unter den Tyranneien der älteren zu leiden hatten. Seine älteren Schwestern erinnerten sich später daran, dass mein Vater als Junge extrem verängstigt gewirkt habe. Sie fragten mich einmal besorgt, was für ein strenger oder schwieriger Vater er denn wohl später geworden sei. Ich konnte sie vollauf beruhigen und antwortete aus tiefster Überzeugung: „Ich hätte mir im Leben keinen besseren, verständnisvolleren Vater wünschen können!“. Eines hatten wir ohnehin alle gemeinsam gelernt: Keines der Kinder in unserer Familie fügte sich blindlings einer Autorität oder lernte, den Mund zu halten, wenn Unrecht geschah. [1, 2, 3, 4, 5, 6]
Als Jugendlicher verstand ich die ältere Generation oft nicht, die der neuen Musik und Kultur der Jugend so feindselig gegenüberstand. In den 1970er-Jahre sah ich in einem Münchner Kino den Kultfilm „Rocky Horror Picture Show“. Ich schüttelte damals verständnislos den Kopf über die Jugendlichen im Saal, die lautstark feierten und mit Popcorn nach vorne warfen, obwohl sie die Szenen bereits in- und auswendig kannten. In diesem Moment ertappte ich mich selbst erschrocken bei dem Gedanken: „Mensch, jetzt tust du unbewusst genau das, was du an den Erwachsenen immer so verabscheut hast – du verurteilst die Jugend!“. [1, 2, 3, 4]
In den 1970er-Jahre hatte ich eine feste Freundin, die wie mein Vater streng katholisch erzogen worden war. Ihre Mutter versuchte vehement, ihr die Einnahme der Antibabypille zu verbieten. Sie berief sich dabei streng auf die päpstliche Enzyklika „Humanae Vitae“, in der die künstliche Empfängnisverhütung untersagt wird. Die Begründung der Schwiegermutter war, dass der Papst als Stellvertreter Gottes auf Erden schließlich unfehlbar sei. [1, 2, 3, 4]
Ich schätzte die liberale, kluge Art meines Vaters sehr und bat ihn beim nächsten sonntäglichen Kaffeetrinken offen um Beistand in diesem Konflikt. Mein Vater legte die Kuchengabel beiseite und sagte in seiner unverwechselbaren, pragmatischen Art folgendes vor der versammelten Runde: [1]
„Der Papst in Rom ist schlicht größenwahnsinnig, wenn er sich anmaßt, der unfehlbare Stellvertreter Gottes auf Erden zu sein. Deshalb muss man kein einziges Wort glauben, was er zum Verbot der Antibabypille absondert. Mit solchen starren Verboten erreicht man bei der Jugend doch nur das Gegenteil: Die Kinder hoffen insgeheim, dass der sture ‚Alte‘ bald das Zeitliche segnet, und machen danach hinter seinem Rücken erst recht, was sie wollen. Man bewirkt also rein gar nichts. Am besten lässt man die Jugend einfach in Ruhe ihre eigenen Erfahrungen machen!“. [1, 2, 3]
Meine Mutter gestand mir Jahre später, wie sehr sie meinen Vater insgeheim um seine messerscharfe Klarsicht beneidet hatte. Er besaß die seltene Gabe, den eigenen Kindern niemals unnötige oder einengende Vorschriften zu machen. [1, 2]
Das Prinzip der Selbstbestimmung
Sowohl meine Mutter als auch mein Vater vertraten zeitlebens die unumstößliche Philosophie, dass im Krankheitsfall letztlich immer der betroffene Patient das letzte Wort haben sollte, und nicht der behandelnde Arzt. In meiner späteren Wahlheimat Norwegen ist dieser Grundsatz glücklicherweise gesetzlich fest verankert, wird im medizinischen Alltag aber leider noch viel zu oft ignoriert. [1, 2]
Besonders der besorgniserregende, dramatische Anstieg von Zwangsmaßnahmen in der modernen Psychiatrie treibt mich seit Langem um. Um mich vor solchen Übergriffen effektiv zu schützen, habe ich für mich selbst eine strikte psychiatrische Patientenverfügung verfasst. Darin untersage ich jede Form von unfreiwilliger psychiatrischer Untersuchung, Diagnostik oder Medikation im Vorfeld, da solche Zwangsmaßnahmen international völlig zu Recht als psychische Folter eingestuft werden. Aus diesem Grund fordere ich unermüdlich und öffentlich dazu auf, die systemische Folter in psychiatrischen Einrichtungen endlich konsequent zu stoppen. [1, 2, 3, 4]
Die Familie Kalfaß in Großdeinbach
Ein prägendes Erlebnis war ein Besuch bei der befreundeten Familie Kalfaß in Großdeinbach. Die Gastgeberin, Lotte Kalfaß, verlangte von mir bei der Begrüßung sehr streng, ich solle als Zeichen des Respekts einen tiefen, förmlichen „Diener“ vor ihr machen, was mir widerstrebte. Ihr Ehemann Ernst arbeitete damals bei der Zahnradfabrik Friedrichshafen (ZF). Er war sehr stolz auf seinen beruflichen Aufstieg und verfasste später eine eigene kleine Biografie mit dem bezeichnenden Titel „Vom Arbeiter zum Angestellten“. Meine Mutter verstand sich gut mit der Familie; Jahre zuvor hatte sie mit den Kalfaß' einen erholsamen gemeinsamen Urlaub an der Nordseeküste verbracht. [1, 2, 3, 4, 5]
Sonntagsausflüge und Kindheitsträume
Papa, Mama, meine Schwester und ich waren jeden Sonntag gemeinsam unterwegs. In der Zeit, bevor wir unser erstes eigenes Auto besaßen, liefen wir oft zu Fuß zum Gasthof „Rössle“ im nahegelegenen Pfersbach. Ein anderes Mal unternahmen wir eine Fahrt mit der Eisenbahn nach Maitis am Fuße des Hohenstaufen. Beim dortigen Wirt kehrten wir ein, und in der Gaststube war ein kleines Mädchen, das mir verspielt die Haare kämmte. Normalerweise war mir so etwas als Junge gar nicht recht, aber mein Vater beobachtete uns genau und bemerkte schmunzelnd, dass es mir ausnahmsweise gefiel, als sie es tat.
In meiner kindlichen Fantasie schmiedete ich damals große Pläne für das Weihnachtsfest: Ich nahm mir fest vor, meiner Mutter ein kleines Haus und meinem Vater ein schönes Spielzeugauto zu schenken. Natürlich blieb es mangels Taschengeld beim reinen Träumen. Mein Vater quittierte solche Ideen später oft mit dem gutmütigen schwäbischen Spruch: „Du bist mir eben ein echter Wenn-er, Hätt-er und Tät-er!“ – jemand, der viel plant, wenn er denn hätte und täte.
Wenn wir zu Hause waren, spielten meine Schwester, mein Vater und ich oft und ausgiebig Skat. Das Kartenspielen lag ganz in den Händen der Männer und Kinder; meine Mutter beteiligte sich nie daran, sie hatte das Kartenspielen nach ihrer Heirat komplett aufgegeben.
Medizinische Notfälle und prägende Berichte
Eines Freitags erlitt mein Vater einen gefährlichen Durchbruch des Blinddarms. Da er erst am darauffolgenden Montag einen Arzt aufsuchte, wurde er aufgrund des kritischen Zustands sofort in das Krankenhaus nach Welzheim eingeliefert. Dieses einschneidende Erlebnis verarbeitete er später in einem mehrseitigen, sehr persönlichen Erfahrungsbericht, den er treffend „Der Blinddarm und Du“ nannte. Wenn wir ihn am Krankenbett besuchten, erzählte er mir sichtlich erschüttert, wie gefühllos, distanziert und unmenschlich das medizinische Personal im Krankenhaus mit den Patienten umging. Auch meine Mutter musste sich später einer schweren Operation im Welzheimer Krankenhaus unterziehen; nach diesem Eingriff betonte sie zeitlebens, dass sie seither nur noch einen „Drittel-Magen“ besitze.
Ein anderes Mal unternahmen mein Vater und ich einen Ausflug auf den Rosenstein. Dort passierte etwas, das mein kindliches Gerechtigkeitsempfinden zutiefst verletzte: Er bat eine andere Frau zum Tanz, was ich nach unserer Rückkehr sofort völlig empört meiner Mutter brühwarm erzählte.
Auch an den bereits erwähnten Besuch im zoologischen Garten Wilhelma in Stuttgart erinnerte ich mich gut, bei dem ich stur jegliche feste Nahrung verweigerte und stattdessen nur Cola trank. Auf der Heimfahrt mit dem Zug nach Schwäbisch Gmünd rächte sich das flüssige Zuckerzeug: Mein Magen rebellierte, ich musste mich im Abteil übergeben und mein Vater wurde prompt zu einer empfindlichen Strafe von 5 DM wegen Verunreinigung verdonnert.
Onkel Karls Opel Olympia: Ein mechanisches Abenteuer
Nachdem mein Onkel Karl eine Erbschaft erhalten hatte, gönnte er sich etwas Luxus und kaufte einen Fernseher sowie einen Opel Olympia. Das Auto stand danach allerdings jahrelang ungenutzt in der Scheuer, bis er nach geraumer Zeit den Entschluss fasste, es wieder fahrbereit zu machen. Mein Vater besaß noch einen alten Vorkriegs-Führerschein und bot seine Hilfe an, doch der erste Startversuch schlug kläglich fehl. Die beiden Männer beschlossen, den Motor komplett auseinanderzunehmen und zu reparieren.
Als er wieder zusammengebaut war, sprang der Wagen aber noch immer nicht an. Wir gaben nicht auf, sondern schoben das schwere Auto mühsam mehrere Hügel hinauf, um es beim Herunterrollen im Gang zu starten. Der Opel stieß zwar dichten, blauen Qualm aus dem Auspuff aus und machte einen ohrenbetäubenden Lärm, doch der Motor verweigerte beharrlich den Dienst. Erst nach einigem Rätselraten stellte sich heraus, dass die Zündkabel in der völlig falschen Reihenfolge angeschlossen waren.
Als wir endlich die erste Probefahrt wagten, passierte das nächste Malheur: Das linke Vorderrad war nicht richtig verschraubt, löste sich während der Fahrt und rollte einfach davon. Ausgerechnet in diesem Moment kam der Postbote Schmiedhuber mit seinem Wagen hinter uns hergefahren und musste fluchend warten, bis wir die Straße blockiert hatten. Am Ende war das ganze Abenteuer umsonst: Das Auto durfte nicht am offiziellen Straßenverkehr teilnehmen, weil das Glas der Scheinwerfer hätte ausgetauscht werden müssen – und das war meinem Onkel schlichtweg zu teuer.
Freunde und Nachbarn im Haselbachtal
Ein Schulkamerad aus dem Hinteren Haselbach war Hermann Just. Er hatte einen jüngeren Bruder namens Wolfgang, den wir im Dorf alle nur „Stops“ riefen, sowie eine Schwester namens Elfriede. Elfriede heiratete später einen Mann namens Steinle und baute ein großes Haus. Ihr Ehemann litt jedoch unter einer schweren Alkoholsucht und befand sich zeitweise in einer Entziehungskur. Vor Hermanns Vater hatte ich als Kind immer eine Heidenangst, da er auf mich einen ungemein strengen und unnahbaren Eindruck machte. Jahre später fragte ich Hermann einmal ganz offen, wie er das Aufwachsen mit seinem Vater erlebt habe. Er erzählte mir, dass ihm vor allem die Mitgliedschaft im örtlichen Schwimmverein den nötigen Halt und viel Unterstützung gegeben habe, um selbstständig erwachsen zu werden. Nach seiner Ausbildung fand er eine Anstellung bei der Firma Massapust in Alfdorf und legte dort eine erfolgreiche berufliche Karriere hin.
Unser direkter Nachbar auf dem Bergle war Winfried Gudat. Mit ihm zusammen lernte ich das Federballspielen. Aller Anfang war schwer: Bei unseren ersten Versuchen schafften wir gerade einmal einen einzigen Ballwechsel, bevor der Federball im Gras landete. Doch durch unermüdliches Üben bekamen wir den Dreh schließlich heraus und wurden richtig gut.
Einmal erlaubten wir uns einen handfesten Jungenstreich: Wir stahlen heimlich einige Fische beim alten „Hexenhäuschen“, hoben mitten im Wald eigenhändig einen kleinen Teich aus und setzten die Beute dort aus. Der Diebstahl wurde jedoch bemerkt und offiziell zur Anzeige gebracht. Eines Tages kam der Polizist Thalheimer zu uns in die Schule nach Alfdorf und fragte in der Klasse streng, wer die Fische entwendet habe. Winfried bewies Mut und meldete sich pflichtbewusst. Als wir dem Polizisten stolz unseren geheimen Waldteich zeigen wollten, um den Schaden wiedergutzumachen, erlebten wir eine Überraschung: Die Fische waren spurlos verschwunden.
Winfried wohnte damals im Haus von Artur Weiher. Er hatte zwei ältere Brüder namens Ulrich und Klaus sowie drei Schwestern, von denen zwei später nach Amerika auswanderten. Sein Bruder Klaus besaß einen Volvo; er stand oft stundenlang vor dem Haus und unterhielt sich leidenschaftlich mit meiner Mutter.
Regelmäßig kam ein fahrender Kaufmann mit seinem großen Wagen zu uns aufs Bergle, um Waren des täglichen Bedarfs – hauptsächlich Lebensmittel – an die Bewohner zu verkaufen. Winfried und ich nutzten die Gelegenheit und kauften uns dort kleine, nur wenige Zentimeter lange Spielzeug-Rennwagen. Zu Hause bauten wir uns aufwendige Rennstrecken in der Erde. Unsere großen Idole, über die wir unablässig sprachen, waren der legendäre Rennfahrer Graf Berghe von Trips und der Rennfahrer Bieberle; auch vom prachtvollen Mercedes 300 schwärmten wir oft. Mein treuer Jugendfreund Winfried verstarb leider am 12. Mai 2024 und fand seine letzte Ruhestätte in Heubach. Als ich viel später in Nordschweden unterwegs war, sah ich zufällig genau so einen historischen Sportwagen – ein echtes Sammlerstück, von dem im Laufe der langen Produktionsjahre von 1926 bis 2018 nur sehr wenige Exemplare gebaut wurden.
Abenteuerliche Ausflüge und weltpolitische Bildung
Einmal unternahmen mein Vater, meine Schwester und ich einen Fahrradausflug zum Hornberg und zum Kalten Feld. Mein Vater fuhr zügig voraus. Als wir die große Pfizer-Kreuzung in Schwäbisch Gmünd erreichten, schaffte er es noch knapp hinüber, während ich wegen des dichten Querverkehrs abrupt anhalten musste. Ich verlor die beiden völlig aus den Augen und schaffte es nicht mehr, sie einzuholen. Auf gut Glück radelte ich allein über Bettringen und Weiler in den Bergen hinauf zum Hornberg. Zu meiner großen Erleichterung traf ich dort tatsächlich meinen Vater und meine Schwester wieder, die den Weg über Waldstetten genommen hatten.
Am Ende der 1950er-Jahre hielt der Kalte Krieg Einzug in unseren Schulalltag: Vertreter der NATO kamen zu uns in die Volksschule, um uns über das westliche Verteidigungsbündnis zu informieren. Ich bekam damals ein Informationsbuch geschenkt. Ich erinnere mich dunkel daran, dass darin die Verbindungsstraße vom schwedischen Östersund ins norwegische Trondheim als strategisch eminent wichtige Route beschrieben wurde, die die enge Zusammenarbeit mit der NATO dokumentieren sollte. Besonders skurril ist mir in Erinnerung geblieben, dass die totale Zerstörung der Finnmark – der nördlichsten Provinz Norwegens durch die Nationalsozialisten nach der Taktik der „verbrannten Erde“ – in dem Buch ernsthaft als militärischer Erfolg dargestellt wurde, weil es den Vormarsch der Roten Armee gebremst habe.
Vom Schwimmenlernen und großen Träumen
Als ich später in Großdeinbach die Schule besuchte, fuhren wir ab und zu mit dem Omnibus in das Hallenbad nach Schwäbisch Gmünd. Der Ausflug sollte eigentlich dazu dienen, uns das Schwimmen beizubringen, doch unter den dortigen Bedingungen schaffte ich es einfach nicht. Erst im Sommer, als wir regelmäßig das Freibad im Wachthaus besuchten, platzte der Knoten. Um das knappe Taschengeld für den Eintritt zu sparen, schlichen wir uns des Öfteren heimlich am Kassenhäuschen vorbei, wurden dabei aber auch prompt das eine oder andere Mal erwischt. Dort, im Alter von etwa 13 Jahren, lernte ich dann endlich richtig schwimmen.
Das Jahr 1960 stand ganz im Zeichen des Sports: Gebannt verfolgten wir die Olympischen Sommerspiele in Rom, bei denen Armin Hary den legendären 100-Meter-Lauf gewann. Bei den Olympischen Winterspielen in Squaw Valley holte Heidi Biebl Gold im Ski-Abfahrtslauf. Das sind zwei der ganz wenigen Sportlerpersönlichkeiten, deren Namen sich mir dauerhaft ins Gedächtnis eingeprägt haben.
Schon im Alter von etwa zwölf Jahren wurde ich im Dorf oft gefragt, was ich denn später einmal werden wolle. Meine Antwort stand damals schon felsenfest: „Ingenieur!“ Und genau diesen Traum setzte ich in die Tat um: Im Jahr 1973 schloss ich mein Studium der Feinwerktechnik an der Fachhochschule Aalen erfolgreich ab.
Fernsehen im Kalten Krieg und Familiendramen
Mein Vater war bis zum Jahr 1970 ein strikter Gegner des Fernsehens und weigerte sehnlichst, einen Apparat anzuschaffen. Wenn wir dennoch einmal fernsehen wollten, gingen wir spätabends zu meinem Vetter Karl Gerhard Bohn hinüber. Ich erinnere mich noch gut an die Sprachlernserie „Walter and Connie“, mit der man spielend Englisch lernen konnte. Anfang der 1960er-Jahre saßen wir dort auch gebannt vor dem Bildschirm, als Alexei Adschubej, der Schwiegersohn des sowjetischen Regierungschefs Chruschtschow, zu Besuch nach Westdeutschland kam, um eine diplomatische Entspannung im Kalten Krieg einzuleiten.
Ein dramatisches Ereignis ereignete sich, als ich mit meiner kleinen Schwester am Bach spielte. Sie verlor das Gleichgewicht und fiel ins tiefe Wasser. Vor lauter Schreck packte mich die Panik und ich rannte in meiner Hilflosigkeit einfach davon. Zum großen Glück war meine Mutter in der Nähe; sie hörte das Plätschern, eilte herbei und zog meine Schwester im letzten Moment unversehrt aus dem Bach. Dieses Erlebnis saß tief: Meine Schwester hatte fortan schreckliche Angst, wann immer wir später mit dem Wagen am Bach vorbeifuhren.
Der Samstagabend folgte in unserer Familie einem festen Ritual: Das Badezimmer wurde kräftig eingeheizt, und die gesamte Familie nahm nacheinander ein Bad. Anschließend gingen wir oft zu „Oma“ Pitzal hinüber, um gemeinsam die beliebten Theaterübertragungen mit Willy Millowitsch im Fernsehen anzuschauen. Meine Mutter fand die deftigen Kölner Schwänke allerdings oft viel zu frivol und weigerte sich irgendwann konsequent, noch weiter mitzuschauen.
Gelegentlich führte die Deutsche Bundesbahn sonntags spezielle Ausflugsfahrten durch. Auf diesen Reisen kamen wir weit herum: Einmal unternahmen wir einen wunderschönen Ausflug an den Bodensee, ein anderes Mal reisten wir bis nach Straßburg im Elsass.
In unserer Nachbarschaft lebte Gottfried Friedel aus Waldau, der regelmäßig die Kühe auf die Weide trieb. Ich half ihm oft und gerne bei dieser Arbeit. Es war gar nicht so einfach: Wenn die Kühe unruhig wurden und anfingen zu rennen, verloren sie durch die Erschütterung viel Milch. Einmal entzündeten wir auf der Wiese ein kleines Lagerfeuer und versuchten abenteuerlich, frisch gefangene Bachkrebse darin zuzubereiten. Das kulinarische Experiment misslang gründlich – die Krebse waren absolut ungenießbar.
Mein Nachbar Helmut Pitzal war ein Junge mit einer blühenden Fantasie. Eines Tages behauptete er felsenfest, er habe auf einem Schrottplatz in Alfdorf ein verlassenes Auto entdeckt. Ich glaubte ihm die Geschichte aufs Wort. Als wir jedoch voller Vorfreude dort ankamen, war weit und breit kein Wagen zu sehen.
Anschließend liefen wir zum Automechaniker Mayer, um einen Festmacher für den Forst- und Waldeinsatz zu erwerben. Der Mechaniker schickte mich allein weiter und lotste uns schließlich zum Postboten Schmiedhuber, der in einem einsamen Haus tief im Wald lebte. Helmut behauptete steif und fest, Schmiedhuber plane, diesen begehrten Liegeplatz im Wald zu verkaufen, was sich jedoch als völlige Fehlinformation herausstellte. Er schickte mir danach noch oft geheimnisvolle Nachrichten, die ich in meiner Gutgläubigkeit alle ernst nahm – heute weiß ich, dass er meine kindliche Leichtgläubigkeit damals einfach schamlos ausgenutzt hat. Wenn fremde Jungen ins Haselbachtal kamen, hielten wir im Dorf jedoch fest zusammen und spielten friedlich gemeinsam Fußball.
Helmuts Mutter zog im Alter ins Altersheim des Klosters Lorch – genau wie meine eigene Mutter. Sein Bruder Heinz Pitzal verließ die Heimat und zog nach Neresheim um. Im Jahr 2021 wollte ich Helmut schließlich im Altersheim Haubenwasen in Pfahlbronn besuchen, doch ich wurde aufgrund der strengen Beschränkungen während der Corona-Pandemie nicht hineingelassen. Helmut verstarb schließlich im Jahr 2022 und fand seine letzte Ruhestätte auf dem Friedhof in Pfahlbronn. [1, 2]
Die geschäftlichen Aktivitäten meines Vaters
Mein Vater war ein umtriebiger Mann und ging im Laufe seines Lebens vielen verschiedenen Beschäftigungen nach. Unter anderem schaltete er Anzeigen, in denen er seine Dienste für die Buchhaltung anbot. Das rief jedoch prompt die etablierten Buchhalter auf den Plan, die ihm eine formelle Abmahnung schickten, da er diese Tätigkeit ohne entsprechende Zulassung gar nicht offiziell inserieren durfte. Unbeirrt davon führte er im Stillen dennoch die Bücher für einen örtlichen Metzger. [1, 2, 3, 4]
Zudem arbeitete er für einen Modellflugzeugbauer, der uns auch einmal in Haselbach besuchte. Da ich selbst mit Begeisterung viele Modellflieger bastelte, begutachtete der Fachmann bei dieser Gelegenheit eines meiner selbst gebauten Flugzeuge. Später verdiente mein Vater sein Geld auch an einer Tankstelle in der Weststadt von Schwäbisch Gmünd. Sein Lebensmotto, das er stets pflegte, lautete: „Lieber lasse ich mich ausbeuten, als dass ich selbst andere ausbeute.“. [1, 2, 3, 4]
Ausflüge im VW Käfer und das alte Haus
Als unsere Familie schließlich stolze Besitzer eines Autos – eines VW Käfers – wurde, unternahmen wir häufig Ausflüge zu den umliegenden Gewässern, wie etwa dem Eisenbachstausee. Meist kamen wir schon am frühen Morgen dort an und verbrachten den gesamten Tag am Ufer. Zu dieser Zeit besuchte ich bereits das Aufbaugymnasium (ABG) und stand unter erheblichem Druck, Vokabeln für den Englischunterricht zu büffeln. Das Lernen schlauchte mich sehr, sodass ich selbst an den Sonntagen am See versuchte, meine Vokabellisten durchzugehen. Bei einem dieser Ausflüge passierte mir ein Missgeschick: Ich verlor mein Englischlehrbuch am Stausee. [1, 2, 3, 4, 5]
Unser Wohnhaus in Haselbach war ein sehr altes Gebäude. In den 1960er-Jahren stand eine umfassende Renovierung an, bei der ein komplett neuer Dachstock aufgesetzt wurde. Der hintere Teil des Hauses, der bis dahin als Viehstall gedient hatte, wurde dabei zu Wohnraum umgebaut. Unter dem Dach befanden sich alte Wände aus Lehmriegeln, die wir in mühsamer Arbeit entfernen mussten. Mein Vater richtete die nördliche Wand des Hauses exakt parallel zur Grundstücksgrenze aus. Als die Zimmerleute schließlich das neue Dach aufsetzen wollten, erlebten wir eine Überraschung: Es stellte sich heraus, dass die West- und die Ostseite des alten Fundaments ungleich lang waren. Um den Fehler auszugleichen, musste die Nordwand auf der östlichen Seite kurzhand um etwa 15 Zentimeter nach Norden verschoben werden. [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7]
Die Entdeckung einer Halbschwester
Ebenfalls in den 1960er-Jahren unternahmen wir einen Tagesausflug zu einer Frau und deren Tochter namens Reinhilde. Als wir auf dem Heimweg waren, ging mir eine Sache nicht aus dem Kopf, und ich fragte meinen Vater verwundert, warum die kleine Reinhilde eigentlich „Papa“ zu ihm gesagt hatte. Seine Antwort kam für mich völlig aus dem Nichts: „Weil sie meine Tochter ist.“. Vor unserer Abfahrt hatte er mit keinem Wort erwähnt, in welchem Verhältnis wir zu den beiden standen. [1, 2, 3, 4]
Nach dem Tod meines Vaters reiste ich in die bayerische Stadt, in der er damals Reinhildes Mutter kennengelernt hatte. Dort Nachforschungen anzustellen ergab, dass mein Vater in der dortigen Gemeinde als sehr fleißiger Mann in Erinnerung geblieben war, man berichtete mir aber auch einiges über den recht unbeständigen Lebenswandel von Reinhildes Mutter. [1, 2]
Reinhilde, die mit Nachnamen Koch hieß, wohnte später in Leipheim, wo ich sie im Laufe der Jahre öfter besuchte. In den 1990er-Jahren kamen mich auch ihre beiden Kinder, Petra und Gerd, besuchen. Als ich jedoch im Jahr 2013 auf einer Durchreise von München nach Haselbach spontan bei Reinhilde vorbeischauen wollte, blockte sie ab. Sie erklärte mir unmissverständlich, dass sie Alexander keineswegs als ihren Vater betrachte. Für mich war das ein klares Zeichen, dass sie auch zu mir keinen Kontakt mehr wünschte, und so ist die Verbindung seither leider komplett abgerissen. [1, 2, 3, 4, 5]
Große Reisen und Erlebnisse
Unsere Familie unternahm viele ausgedehnte Ausflüge. Wir besichtigten das Ulmer Münster, fuhren an den Federsee, nach Waldenburg und besuchten die Oldtimer-Sammlung der 60er-Altersgenossen meines Vaters in Schramberg. Ein besonders langer Urlaub führte uns die Donau aufwärts von Ulm über Freiburg bis nach Baden-Baden. In der ersten Nacht schliefen wir recht abenteuerlich teils im Auto, teils in einem kleinen Zelt. Unschön blieb mir in Erinnerung, dass uns in einem der dortigen Restaurants schlichtweg die Bedienung verweigert wurde. Jahre später, bei einem Besuch im Münchner Tierpark Hellabrunn, erlebten wir einen großen Zufall: Wir liefen dort mitten im Getümmel unerwartet unserem Nachbarn Günther Alka und dessen Mutter über den Weg. [1, 2, 3, 4, 5, 6]
Als meine Mutter wegen der Geburt meiner Schwester Dorothea im Katharinenhospital in Schwäbisch Gmünd lag, übernahm mein Vater zu Hause das Kochen. Das führte jedoch zu familiären Spannungen: Als ich ehrlich zugab, dass mir das Essen bei meiner Tante Ilse deutlich besser schmeckte, wurde er prompt zornig. Während des Krankenhausaufenthalts meiner Mutter liefen mein Vater und ich jeden Tag die fünf Kilometer lange Strecke zu Fuß nach Schwäbisch Gmünd. Im Hospital versuchten die katholischen Ordensschwestern vehement, meine Mutter zu überreden, das Neugeborene katholisch taufen zu lassen. Meine evangelische Mutter weigerte sich jedoch standhaft. Während dieser Zeit half Tante Anna bei uns in Haselbach im Haushalt. Ich weiß noch, wie ich als Kind fasziniert mit dem Kondenswasser und dem Speichel spielte, der an der Innenseite der Fensterscheibe herunterlief, was von Tante Anna prompt mit einem strengen Kommentar bedacht wurde. [1, 2, 3, 4, 5, 6, 7]
Spiele, Streiche und Schüchternheit
Als Kind verbrachte ich viel Zeit allein am Bach. Ich ließ dort selbst gebastelte Holzschiffchen schwimmen und malte mir in Gedanken aus, wie ich aufwendige Schleusenanlagen im Flussbett errichten könnte. Über die Planungsphase in meinem Kopf kamen diese Bauwerke jedoch nie hinaus. [1, 2, 3]
Manchmal spielten wir auch in der Gruppe mit den Nachbarskindern Indianer im Wald. Mein Vater hatte mir die strikte Auflage erteilt, pünktlich vor dem Untergang der Sonne zu Hause zu sein. Als ich meinen Spielkameraden anzeigte, dass es für mich Zeit zum Aufbruch sei, überredeten sie mich zu bleiben. Sie meinten, ich könne meinem Vater einfach sagen, dass ja noch einige Sonnenstrahlen durch die Baumkronen zu sehen gewesen seien. Mein Vater durchschaute die Ausrede jedoch sofort und schimpfte mich aus – eines der ganz wenigen Male, dass er mir gegenüber laut wurde. [1, 2, 3, 4, 5]
Bei der Gartenarbeit oder der Versorgung unserer Ziegen war ich meinen Eltern leider keine große Hilfe. Einmal bot mir mein Vater die für damalige Verhältnisse stattliche Summe von 5 DM an, wenn ich das Unkraut im Johannisbeerfeld jäten würde. Ich witterte ein gutes Geschäft, spannte den Nachbarsjungen für die Arbeit ein und versprach ihm die Hälfte des Geldes als Lohn. Das Ergebnis stellte meinen Vater jedoch überhaupt nicht zufrieden: Er tadelte die schlampige Arbeit als ungenügend. Da ich meinen fleißigen Helfer bereits im Voraus aus eigener Tasche bezahlt hatte, blieb ich auf den Kosten sitzen – ich weiß heute nicht mehr, ob ich mein Geld jemals von ihm zurückbekommen habe. [1, 2, 3, 4, 5]
In meiner gesamten Kindheit war ich extrem schüchtern. Besonders das Fotografiertwerden war mir ein Gräuel. Sobald eine Kamera auftauchte, versuchte ich instinktiv, mich hinter dem Rücken meiner Eltern zu verstecken, was auf einigen alten Bildern noch gut zu sehen ist. [1, 2]
Der Sohn unseres Nachbarn schlug später eine theologische Laufbahn ein und wurde zum Priester ausgebildet. Ausgerechnet er stahl mir einmal meine mühsam gesammelten Ostereier. Wir im Haus vermuteten hinter der Tat eine religiöse Motivation: Wahrscheinlich sah er den österlichen Brauch schlicht als unchristliches, heidnisches Ritual an. Seine Eltern waren gläubige Katholiken und machten sich sonntags stets auf den Weg über den sogenannten „katholischen Weg“ zur Kirche nach Wetzgau. Wir Kinder halfen seinem Bruder, Linus Messner, gelegentlich bei den anfallenden Arbeiten in der Landwirtschaft. Linus wohnte zusammen mit seiner Schwester Maria; die beiden errichteten im Laufe der Zeit in Eigenregie ein gemeinsames Wohnhaus. [1, 2, 3, 4, 5, 6]
Die Nibelungensage und der Umzug ins Allgäu
Mein Vater erwarb ein Baugrundstück, das im Dorf nur das „Bauplätzle“ genannt wurde, und ließ von einem Architekten detaillierte Baupläne für ein Eigenheim anfertigen. Er schritt voller Tatendrang zur Tat und begann eigenhändig damit, das Fundament und den Keller für das geplante Haus auszugraben. Das Vorhaben scheiterte jedoch am Veto meiner Mutter: Sie weigerte sich beharrlich, ihre geliebte Kuh zu verkaufen, um den Bau zu finanzieren, und so kam das Projekt letztlich nie über die Grube hinaus. Während mein Vater auf der Baustelle schuftete, saß ich oft daneben; er nutzte die Zeit und erzählte mir in epischen Zügen die alte deutsche Nibelungensage von den Helden Siegfried und Hagen. [1, 2, 3, 4]
Als der Tag meiner Einschulung in Alfdorf kam, traf ich auf eine große Schulklasse mit vielen mir fremden Kindern. Ich erinnere mich noch gut an den tiefen Frust, den die Mathematik in mir auslöste: Während ich die einfache Rechnung \(2 + 3 = 5\) sofort begriff, verzweifelte ich regelrecht an der Aufgabe \(8 + 3 = 11\), weil ich einfach nicht verstand, warum die Eins der Zehnerstelle plötzlich in eine andere Spalte geschrieben werden musste. [1, 2]
Noch während meines ersten Schuljahres zog unsere Familie – mein Vater, meine Schwester und ich – um. Es ging nach Schmidsreute, einem zu Wiggensbach gehörenden Ortsteil im Allgäu, der auf einer beachtlichen Höhe von über 900 Metern über dem Meeresspiegel lag. Die weite Fahrt im großen Möbelwagen ist mir im Gedächtnis geblieben, vor allem der Augenblick, als am Horizont zum ersten Mal die majestätische Kulisse der Alpen auftauchte. [1, 2]
Dort besuchte ich eine kleine Zwergschule – eine einklassige Dorfschule, in der in meiner Jahrgangsstufe gerade einmal fünf Schüler gemeinsam unterrichtet wurden. Ein mathematisches Rätsel aus dieser Zeit ist mir im Kopf geblieben: Wir sollten die Eier im Hühnerstall zählen. Die Hühner saßen eine Weile auf den Nestern, dann wurden einige Eier weggenommen, und wir mussten ausrechnen, wie viele noch übrig waren. [1, 2, 3]
In Schmidsreute kam es auch zu einem unschönen Vorfall: Meine kleine Schwester, die damals gerade etwas über ein Jahr alt war, erwachte allein in ihrem Zimmer und räumte im Spiel sämtliche Schränke komplett aus. Mein Vater verlor darüber die Beherrschung und schlug das kleine Kind. In der allgäuer Natur unternahmen wir lange Fußmärsche. Mein Vater zeigte mir dabei, wie man im Unterholz biegsame Haselnusszweige findet und sie geschickt für handwerkliche Zwecke verwenden kann. [1, 2, 3, 4]
Als ich Jahrzehnte später, in den 1970er-Jahren, noch einmal nach Schmidsreute reiste, erfuhr ich, dass das einstige Nachbarsmädchen mittlerweile nach Berlin gezogen war. Das war ein seltsamer Zufall, denn genau dort studierte ich zu diesem Zeitpunkt ebenfalls. [1]
Die Rückkehr nach Haselbach und der Schulwechsel
Unsere fleißige Mutter war in der Heimat geblieben und verdiente ihr Geld als Schneiderin. Von ihren Ersparnissen kaufte sie das Haus mit der Adresse Am Berg 22 in Haselbach. Nach etwas mer als einem halben Jahr im Allgäu kehrten wir pünktlich zum Weihnachtsfest wieder nach Haselbach zurück. Das Haus war noch feucht, und mein Vater musste die Öfen ununterbrochen kräftig einheizen, damit die frisch verputzten Wände trocken wurden. [1, 2, 3]
Nach unserer Rückkehr aus Schmidsreute wurde ich nicht wieder in Alfdorf eingeschult, sondern wechselte an die Schule im zwei Kilometer entfernten Großdeinbach. Die reguläre Schule in unserer Heimatgemeinde Alfdorf lag vier Kilometer entfernt. Um den Schulwechsel rechtlich zu ermöglichen, griffen meine Eltern zu einem Trick: Mein Onkel Emil Bohn und seine Frau Johanna (Hanne) meldeten mich kurzerhand fiktiv in ihrem Wohnhaus an. Da Großdeinbach damals eine eigenständige Gemeinde war, sparte mein Vater durch die amtliche Ummeldung das sonst fällige auswärtige Schulgeld. Ich kam in dieselbe Klasse wie mein gleichaltriger Vetter Roland Bohn. Wenn an den Nachmittagen Unterricht stattfand, verbrachte ich die Mittagspause bei seiner Familie und aß dort zu Mittag. [1, 2, 3, 4, 5, 6]
In der Schule passierte mir ein peinlicher Vorfall: Als ich dringend austreten musste, war die Schultoilette verschlossen. Ich war viel zu schüchtern und verängstigt, um mich einfach draußen auf dem Hof zu erleichtern, hielt es so lange wie möglich zurück und nässte mir schließlich in die Hose. [1, 2]
Ein anderes Mal schickte man mich zum Einkaufen beim örtlichen Metzger. Ich nannte der Verkäuferin pflichtbewusst die gewünschte Menge und die Sorte Fleisch. Als ich das Wechselgeld erhielt, überkam mich auf dem Heimweg der Schrecken: Ich glaubte fest, beim Bezahlen versehentlich den viel zu günstigen Preis für eine minderwertigere Fleischsorte genannt zu haben. Der Metzger hatte jedoch kein Wort gesagt. Ich rätselte noch lange, ob er meinen Fehler schlicht überhört hatte oder ob er mir einfach heimlich ein entsprechend kleineres Stück Fleisch eingepackt hatte. [1, 2, 3, 4, 5]
Mit dem Linienbus fuhren wir von der Schule aus einige Male in das Hallenbad nach Schwäbisch Gmünd. Die wenigen Stunden reichten jedoch bei Weitem nicht aus, um uns Kindern das Schwimmen beizubringen. [1, 2]
Für Aufsehen in der Klasse sorgte eine unserer Lehrerinnen: Sie erschien im Unterricht in einer weit geöffneten Bluse und hatte offensichtlich vergessen, einen Büstenhalter anzuziehen, sodass wir ungehindert ihre Brüste sehen konnten. Sie bemerkte zwar sofort die Unruhe und das Tuscheln unter uns Schülern, begriff jedoch bis zum Ende der Stunde nicht, dass ihr tiefes Dekolleté die Ursache für unsere Aufregung war. [1]
Meine Mutter nutzte ihr handwerkliches Geschick als Schneiderin und nähte mir in liebevoller Arbeit einen feinen Knabenanzug. Als ich das Kleidungsstück stolz meiner Tante präsentierte, bedachte sie mich mit dem herben Kommentar, ich sähe darin aus „wie ein einfacher Bauernjunge“. Das verletzte meinen kindlichen Stolz zutiefst; ich war so beleidigt, dass ich mich fortan weigerte, den Anzug jemals wieder anzuziehen. An den Tagen mit Nachmittagsunterricht aß ich meistens zusammen mit meinem Vetter Roland Bohn; gelegentlich kehrten wir auch bei seiner Großmutter zum Mittagessen ein. [1, 2, 3, 4]
Direkt neben unserem Schulgebäude befand sich der dörfliche Friseursalon. Ich ging gern dorthin, denn der Friseur hatte die angenehme Angewohnheit, mir beim Haarschneiden ausgiebig und wohltuend den Kopf zu massieren.
Schulerlebnisse in Großdeinbach
Ein anderer meiner damaligen Schulkameraden war Armin Schmidl. Ich erinnere mich, wie wir einmal gemeinsam einen Turm bauten. In der Klasse wusste ich oft nicht so recht, wie ich mich verhalten sollte; mein unsicheres Benehmen wurde von den anderen häufig als absichtliches Clownstheater aufgefasst, und Armin erzählte das später auch brühwarm seinen Eltern.
Eines Tages wurde mir in der Schule mein Füllfederhalter gestohlen. Unser Lehrer reagierte streng und verkündete, dass kein einziger Schüler nach Hause gehen dürfe, bevor der Füller nicht wieder aufgetaucht sei. Diese kollektive Maßnahme half jedoch überhaupt nicht. Viel später war ich einmal bei einem Mitschüler zu Hause zu Besuch und entdeckte dort zufällig genau so einen Füllhalter. Da ich mir aber letztlich nicht absolut sicher sein konnte, ob es sich tatsächlich um mein gestohlenes Eigentum handelte, behielt ich den Verdacht für mich und sagte lieber nichts.
In bleibender Erinnerung ist mir auch der örtliche Schuhmacher in Großdeinbach geblieben. Er nahm sich oft die Zeit, sich gemeinsam mit mir meine Kinderzeichnungen anzusehen und sie wohlwollend zu kommentieren. Später verlegte er sein Geschäft nach Schwäbisch Gmünd, wo er es weiterführte.
Einer unserer Lehrer hieß Behabetz und stammte ursprünglich aus Rumänien. Viele Jahrzehnte später, weit nach dem Jahr 2000, besuchte ich ihn noch einmal gemeinsam mit meiner Mutter. Zu meiner großen Überraschung zog er ein altes Notizbuch hervor, in dem er tatsächlich noch immer meine damaligen Zensuren sowie die Noten meiner Schwester lückenlos verzeichnet hatte.
Auf meinem täglichen Schulweg war ich meistens so tief in meine eigenen Gedanken versunken, dass ich meine Umwelt kaum wahrnahm. Einmal ging ich in meiner Geistesabwesenheit sogar schnurstracks an unserem Haus auf dem Bergle vorbei und schreckte erst aus meinen Grübeleien auf, als ich bereits den Hinteren Haselbach erreicht hatte.
Der Winter forderte uns damals heraus: Einmal lagen im Tal sage und schreibe 50 Zentimeter tiefer Schnee. Mein tatkräftiger Vater schippte damals ganz allein einen 500 Meter langen Fußweg durch die Schneemassen, damit wir überhaupt vorwärtskamen.
Schulwegsängste und die Entdeckung der Konfrontationstherapie
Als Kind begleitete mich eine ständige, tief sitzende Angst davor, den einsamen Weg durch den dichten Wald zur Schule zu nehmen. Wenn mich das Gefühl überkam, dass sich hinter einem der dicken Baumstämme etwas Bedrohliches oder Verdächtiges verbergen könnte, entwickelte ich eine eigene Strategie: Ich zwang mich mit aller Macht dazu, nicht wegzulaufen, sondern direkt auf den jeweiligen Baum zuzugehen. Es war jedes Mal eine unendliche Erleichterung, aus nächster Nähe festzustellen, dass dort in Wahrheit überhaupt keine Gefahr lauerte. Dieses bewusste Entgegentreten bewahrte mich davor, mich in meine Ängste hineinzusteigern oder fortan weite, ängstliche Umwege um jeden Baum machen zu müssen.
Schon vor vielen Jahrzehnten wurde mir durch diese Selbsthilfe instinktiv klar, dass die direkte Konfrontation mit der Angst der Schlüssel zur Besserung ist. Viel später stieß ich in der psychologischen Forschung auf wissenschaftliche Belege, die genau das bestätigten: Die sogenannte Desensibilisierung gilt heute als die wirksamste psychotherapeutische Intervention speziell bei der Behandlung von Zwangs- und Angststörungen.
Dennoch gab es auch Momente, in denen mich die Furcht lähmte. Einmal sah ich weit vor mir auf dem Weg meinen Nachrn Ernst Alka laufen. Ich versuchte unter großer Anstrengung, ihn einzuholen, verausgabte mich dabei jedoch völlig. Als ich den Bach hinter mir gelassen hatte, glaubte ich plötzlich starr vor Schreck, auf dem ersten Baum des Waldes eine menschliche Gestalt lauern zu sehen, und blieb wie angewurzelt stehen. Ich verlor jeglichen Mut, weiterzugehen, und wartete eine halbe Ewigkeit am Waldrand. Schließlich kam mein Vater herbei, der nach mir gesucht hatte, und half mir aus der Klemme. Er sah sich die Stelle genau an und erklärte mir beruhigend, dass der vermeintliche Verfolger in Wahrheit nur eine optische Täuschung durch natürliche Flecken auf der Baumrinde gewesen war.
Diese frühen Ängste spiegelten sich auch in meinen Träumen wider. Mein gesamtes Leben lang wurde ich von ein und demselben wiederkehrenden Albtraum verfolgt: Ich ging in der Handlung friedlich spazieren, als ich plötzlich spürte, wie sich eine unsichtbare, schreckliche Gefahr von hinten näherte. In Panik begann ich nach Hause zu rennen. Ich erreichte zwar jedes Mal die rettende Haustür, schreckte dann aber in Todesangst auf, eingeholt zu werden, ohne jemals im Traum zu Gesicht zu bekommen, wer oder was mich eigentlich bedrohte.
Gleichzeitig begleitete mich im Alltag jahrelang die unterschwellige Sorge, ich könnte es gesundheitlich vielleicht gar nicht schaffen, das Ende meines Berufslebens unbeschadet zu erreichen. Schon als Student begann ich deshalb pflichtbewusst, freiwillige Pensionsbeiträge zur finanziellen Alterssicherung einzuzahlen. Erst als ich schließlich tatsächlich regulär im Ruhestand ankam und Pensionär wurde, verschwand dieser Albtraum für immer aus meinen Nächten.
Rückblickend frage ich mich oft, ob diese nächtlichen Ängste eine tiefere seelische Reaktion darauf waren, dass ich meine behütete und unbekümmerte Kindheit viel zu abrupt verlassen musste. Dieser Einschnitt geschah das erste Mal mit meinem Eintritt in den regulären Schulalltag. Die Schule war eine völlig fremde, kalte Welt für mich, und ich verstand oft nicht so recht, was dort eigentlich um mich herum geschah. Ich hatte oft das schmerzliche Gefühl, dass meine unbeschwerte Kindheit damals viel zu früh verloren ging. Manchmal beschlich mich auch der bittere Gedanke, dass in den familiären Dynamiken irgendetwas nicht stimmte und man mich womöglich nur schlecht auf die harten Realitäten des Lebens vorbereitet hatte.
Bürokratie und der Zwangswechsel nach Alfdorf
Ein Nachbar meiner Verwandten, der Familie Bohn, war der damalige Bürgermeister Naß. Eines Tages sprach er mich auf der Straße an und fragte mich aus, ob ich denn auch tatsächlich nachts in Haselbach wohnen und schlafen würde. In meiner kindlichen Naivität antwortete ich wahrheitsgemäß mit Ja. Diese Aussage hatte bürokratische Konsequenzen: Dem Bürgermeister war nun offiziell bekannt, dass mein tatsächlicher Lebensmittelpunkt in Haselbach lag, woraufhin er meinem Vater unmissverständlich mitteilen ließ, dass ich aufgrund des auswärtigen Wohnsitzes ab sofort reguläres Schulgeld für den Besuch der Schule in Großdeinbach zu entrichten hätte.
Mein Vater wurde verständlicherweise sehr sauer über diesen bürokratischen Vorfall. Da er das zusätzliche Geld nicht aufbringen wollte, musste ich die Schule in Großdeinbach verlassen und fortan die Schule in Alfdorf besuchen. Für mich bedeutete das eine erhebliche Verschlechterung, da der tägliche Fußweg dorthin mit vier Kilometern doppelt so lang war.
In Alfdorf absolvierte ich schließlich die 6. und 7. Klasse. Damit stand meine Familie erneut vor dem logistischen Problem, wo ich an den Tagen mit Nachmittagsunterricht mein Mittagessen einnehmen sollte. Zuerst versuchte ich, mir selbst zu helfen, und hackte fleißig Holz für meinen Schulkameraden Hermann Just, weil dessen Familie mir als Gegenleistung eine warme Mahlzeit in Aussicht gestellt hatte. Das Vorhaben klappte jedoch am Ende nicht. Meine Eltern gaben mir daraufhin den pragmatischen Rat, ich solle nach dem Vormittagsunterricht einfach testweise mit irgendeinem anderen Mitschüler nach Hause mitgehen.
Bei meinem ersten Versuch landete ich in der Schützengasse bei einer Familie, die in extrem armen Verhältnissen lebte und selbst kaum genug zu beißen hatte. Das nächste Mal schloss ich mich Norbert Wiedmann an, dem Sohn der reichsten Familie im Ort, doch auch in dessen großem Haus bekam ich kein Mittagessen angeboten. Angesichts dieser Misserfolge gab mein Vater das Experiment auf und bezahlte mir fortan regulär ein warmes Mittagessen in der Dorfwirtschaft, die sich direkt neben dem alten Schulhaus befand.
Eine meiner damaligen Alfdorfer Schulkameradinnen war Elisabeth Stehlik (geborene Predatsch). Als ich später die zweite Klasse des Aufbaugymnasiums (ABG) in Schwäbisch Gmünd besuchte, lief ich ihr nach dem Mittagessen zufällig in der Stadt über den Weg. Wir freuten uns über das Wiedersehen und trafen uns fortan des Öfteren in der Mittagspause. Eines Tages beobachteten uns jedoch meine neuen Klassenkameraden vom ABG bei einem dieser Treffen, als ich mit ihnen zurück zur Schule ging. Sie fingen sofort an, mich unbarmherzig zu hänseln, und fragten mich spöttisch, ob das etwa meine feste Freundin sei. Aus Scham und Angst vor weiteren Sticheleien getraute ich mich fortan zu dieser Uhrzeit überhaupt nicht mehr in die Innenstadt.
In den 1980er-Jahren traf ich Elisabeth noch einmal rein zufällig im Postamt in Alfdorf wieder. Es war ein heißer Sommertag, und ich klagte im Gespräch über die drückende „Bollenhitze“ von weit über 30 Grad. Sie missverstand meine Bemerkung jedoch völlig als Kritik an der Region, entgegnete beleidigt, dass es mir hier bei uns wohl einfach generell nicht gefalle, und ging grußlos weiter. Ich war sehr traurig darüber, denn ich hätte mich gerne in Ruhe mit ihr unterhalten. Ein letztes Mal sah ich sie schließlich Jahre später beim großen 50-jährigen Jubiläumsfest der Altersgenossen der Alfdorfer Schüler wieder.
Der Wechsel an das Aufbaugymnasium Schwäbisch Gmünd
Im Jahr 1962 verließ ich die Volksschule in Alfdorf und wechselte an das Aufbaugymnasium (ABG) nach Schwäbisch Gmünd. Mit diesem Schritt trennten sich auch die Wege von mir und meinem besten Jugendfreund Winfried Gudat, was mir schwerfiel. Als mein Vater mich zur Anmeldung begleitete und die riesigen Schlafsäle besichtigte, in denen 20 bis 30 Schüler gemeinsam untergebracht waren, war er sichtlich schockiert. Er schüttelte den Kopf, meinte entsetzt, das Ganze sehe ja aus wie beim Militär, und wollte mich am liebsten auf der Stelle wieder mit nach Hause nehmen. Ich weigerte mich jedoch standhaft: Ich hatte Angst vor dem Gerede im Dorf und fragte mich besorgt, was die Leute wohl denken würden, wenn ich sofort wieder scheiterte.
Der Wechsel in die Stadt war ein Schock für mich: In Schwäbisch Gmünd herrschte ein für mich ungewohnt dichter und hektischer Autoverkehr, und ich wäre anfangs auf der Straße beinahe einmal überfahren worden. Die schulischen Anforderungen an dem Gymnasium überforderten mich von Beginn an völlig. Der psychische Druck war so enorm, dass meine Mutter später voller Sorge feststellte, ich hätte nach dem Wechsel an diese Schule über einen langen Zeitraum hinweg überhaupt nicht mehr gelacht.
Aufgrund ungenügender Leistungen in den Fächern Mathematik und Französisch fiel ich schließlich in der 5. Klasse des Gymnasiums durch. Nach diesem schulischen Rückschlag verließ ich das Gymnasium und schlug einen praktischen Weg ein: Ich absolvierte zunächst ein solides Maschinenbaupraktikum bei der Deutschen Bundespost. Mit dieser praktischen Grundlage in der Tasche begann ich ein Studium der Feinwerktechnik an der Fachhochschule Aalen, das ich im Jahr 1973 erfolgreich als Ingenieur abschloss. Doch mein Wissensdurst war noch nicht gestillt: Im Anschluss zog es mich nach Berlin, wo ich an der Technischen Universität (TU Berlin) ein anspruchsvolles Studium der Physikalischen Ingenieurwissenschaften absolvierte.